Pflegelehre – NEIN DANKE!

Bild: Thomas Lentsch

Es ist nur wenige Monate her, da wurden wir Pflegekräfte von der Regierung als Helden im Kampf gegen die Corona-Pandemie bezeichnet. Kaum beginnen die Infektionszahlen hierzulande zu sinken, wird jedoch weiter daran gearbeitet, die Pflege in Österreich zu dequalifizieren. Ein Kommentar von Patrick Kaiser und Wolfgang Lehner.

Zuerst die Forderung ÖVP-naher Personen, die Akutbetten in Österreich weiter zu kürzen, die nicht vorhandene Auslastung während der Krise sei ja der beste Beweis für ein aufgeblähtes Gesundheitssystem. Dann die Forderung des kärntner-​ischen Rechnungshofes, die Gehälter von medizinischem Personal „anzupassen“, da sie über dem österreich-​ischen Durchschnitt liegen. Und jetzt soll die Pflegelehre durchgepeitscht werden, weil es wirtschaftlichen Interessen entspricht.

Die letzte Novellierung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes ist kaum in der Praxis angekommen, wird nun wieder herumgedoktert anstatt die Auswirkungen bereits umgesetzter Änderungen abzuwarten. Die Ausbildung von Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz an Berufsbildenden Höheren Schulen hat noch gar nicht begonnen, wird von Seiten der Politik und der Wirtschaft bereits über die Einführung einer neuen Berufsgruppe diskutiert. Die Einführung solcher neuer Berufsgruppen, die meist mit kürzerer Ausbildungsdauer einhergeht, muss dabei auf alle Fälle ermöglichen, die Personalschlüssel zu erhöhen und die bestehende Situation zu entlasten. Was nicht geschehen darf ist, dass bereits bestehende Berufsgruppen ersetzt werden und es dadurch zu einer Verringerung der durchschnittlichen Ausbildungszeit durch die Hintertür kommt.

Wissenschaftlich ist klar belegt, dass eine bessere Ausbildung und ein besserer Personalschlüssel mit einem besserem Ergebnis für die PatientInnen zusammenhängt.1

Aus scheinbarer Angst vor dem Pflegenotstand, wurde jetzt die international abgelehnte Pflege​​lehre wieder auf den Tisch gebracht. Berufsverbände, sowie ExpertInnen der Pflege lehnen dieses Model aus verschiedensten Gründen ab. Der naheliegendste ist die mangelnde psychische Stabilität im Alter von 15 Jahren, für einen Job, der Menschen durch alle Phasen ihres Lebens begleitet. Von der Versorgung instabiler Neugeborener auf neonatologischen Intensivstationen, über die Betreuung von PatientInnen auf der Onkologie, bis hin zur Pflege demenzerkrankter Menschen auf der Geriatrie, erleben Pflegekräfte viele psychische Ausnahmesituationen, die es zu verarbeiten gilt. Was weiterhin unklar bleibt sind genaue Ausbildungsinhalte und wie eine umfassende praktische Ausbildung aussehen kann ohne dass es zu weiteren Belastungen für die anleitenden Pflegepersonen und den Stationsalltag führt. Auch bei näherer Betrachtung hält das „Wunder-Modell“-Schweiz den Erwartungen nicht stand, da es dort eine Drop-Out-Quote von 50-60%2 gibt und unklar ist,  wie viele Jugendliche überhaupt dann in Gesundheitsberufen tätig bleiben.

Die Pflegelehre ist unserer Meinung nach nicht ein nachhaltiger Versuch die Versorgung zu sichern, sondern eine Abkürzung um schnell möglichst viele günstige Pflegekräfte zu generieren. Diese Abkürzung wird unsere Probleme nicht lösen, sondern die Arbeitsbedingungen weiter verschärfen und die Qualität der Arbeit reduzieren. Was wir brauchen sind nicht weitere neue Berufsgruppen oder schnell ausgebildete Arbeitskräfte, sondern gute Arbeitsbedingungen & Löhne, bezahlte Praktika in der Ausbildung und eine hochwertige Ausbildung dort wo es am Wichtigsten ist: am Bett bei den PatientInnen.

1 AIKEN, Linda; SLOANE, Douglas; BRUYNEEL, Luk; VAN DEN HEEDE, Koen; GRIFFITHS, Peter; BUSSE, Reinhard et al.: Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study in The LANCET, Volume 383, Issue 9931, 2014.

2 https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200117_OTS0102/faktencheck-pflegelehre-was-ueber-das-schweizer-modell-nicht-gesagt-wurde

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