Warum ich Gewerkschafterin bin!

Karin Mörtelmayr beschreibt warum sie Gewerkschaftsmitglied ist und was sie zur Solidarität geführt hat.

Als ich vor kurzem gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte einen Artikel darüber zu schreiben, wieso ich mich gewerkschaftlich organisiere, zögerte ich nicht. Ein Hauptgrund dafür war, dass ich der Ansicht bin viele teilen meine Positionen und eventuell macht es ihnen auch Mut sich auch zu engagieren.

Ich entstamme dem Prekariat der 1980er Jahre: meine Mutter war allleinerziehend, meine zwei größeren Schwestern lebten mit mir in der zu kleinen Wohnung und es gab nie genug Geld.

In dieser Situation war man nicht politisch, dafür fehlte die Zeit. Die Zeit war nämlich mit Erwerbstätigkeit gefüllt und man musste froh sein, dass man eine Arbeit hatte.

Sich kritisch mit ArbeitgeberInnen auseinanderzusetzen war im wahrsten Sinne des Wortes nicht gesund und somit – einem Tabu gleich – verpönt. Schon mein junges Selbst fand diese masochistische Anbiederung verstörend und falsch. Dies soll aber keinesfalls eine Kritik an meiner Mutter sein! Wie könnte ich ihr das eigene Denken vorwerfen, lag es doch an ihrer Situation, die ihr Bewusstsein bestimmt.

Sie kam in der Blüte ihrer 20er aus dem damaligen Jugoslawien als Gastarbeiterin nach Österreich. Dies auch nicht ganz freiwillig, denn von den dort ansässigen Arbeitsämtern wurde die Bevölkerung bei Vorliegen bestimmter Voraussetzung direkt nach Österreich vermittelt. Über das gängige Klischee der faulen Sozialschmarotzer, die in das Sozialsystem einwandern, konnte meine Familie nur bitter lachen. Der unternehmens- und wirtschaftsfreundliche Boulevard am Küchentisch tat bei ihr das Übrige.

Es wurde mir früh bewusst, dass eine Änderung nicht von außen kommen würde, sondern selbst erreicht werden musste. Mit 15 Jahre hörte ich das erste Mal etwas über Gewerkschaften und lernte darüber in der Schule: 13. Und 14. Gehalt, Stundenlohn und Kollektivvertrag – welche großartigen Errungenschaften!  Damals reifte der feste Entschluss mich alsbald im Berufsleben einer solchen Vereinigung anzuschließen. 2002 zu Beginn meiner Krankenpflegeschule, hörte ich einen Vortrag eines heute bekannten Funktionärs der Younion. Dieser Vortrag war sehr überzeugend und bewegte mich dazu nun endlich Gewerkschaftsmitglied bei der Younion zu werden. 

Heute – fast zwei Jahrzehnte später – klingt für mich die Führung von Younion nicht mehr positiv. Sie ist weit weg von meiner Arbeitsrealität. Die Younion versuchte zwar mit der Aktion „5 vor 12“ medienwirksam zu agieren, Konsequenzen in Form eines Arbeitskampfes gab es aber nicht. Leider wird von einigen KollegInnen diese Aktion mehr als Schein denn als Hilfe empfunden. 

Es ist seit über 20 Jahren bekannt, dass den Gesundheitsbereich die Pensionierungswelle hart treffen wird. Darüber gab es von Seiten der Younion kaum etwas zu lesen oder zu hören. Hinzu kommt die in den letzten 20 Jahren stark gestiegene Arbeitsbelastung. Eine inadäquate und nicht mehr zeitgemäße Personalberechnung macht das Unding möglich, dass wir (lt. MissCare-Studie) oft unterbesetzt Dienste machen müssen. 

Die Politik unserer Gewerkschaftsführung rollt den Austritten förmlich den roten Teppich aus, da die Frustration in der Belegschaft hoch ist und man meint nicht mehr gehört zu werden. Der Grundtenor ist fast immer der Gleiche: Wieso sollte ich 1% von meinem Bruttogehalt bezahlen, wenn als gefühlte Gegenleistung inadäquate Lohnverhandlungen und Goodies übirg bleiben? Wie sollen wir KollegInnen erklären, nicht auszutreten? Warten, dass die Younion-Führung von sich aus den Kurs ändert?

Da ich den gewerkschaftlichen Grundgedanken verstehe und über jenen auch mit meinen KollegInnen spreche, versuche ich sie in der Gewerkschaft zu halten – obwohl es für mich schwierig ist gute Argumente aus der Praxis zu finden. Der Gedanke alleine ist zwar gut, hilft aber nicht! 

2015 war dann auch für mich mit der Suche nach Argumenten Schluss. Damals gingen ÄrztInnen für mehr Lohn auf die Straße, weil sie vom EU-Gesetzt weniger Stunden arbeiten mussten und wir hier ruckartig den Ärztemangel spürten.

Arbeitsdelegierung war hier das Zauberwort. Ärztliche Tätigkeiten wurden ohne personelle oder finanzielle Kompsenation an die Pflege abgegeben. Ohne Nachfrage, ob wir überhaupt mit unseren bisherigen Tätigkeiten hinterherkommen. Die Pflege sollte künftig die Blutabnahme machen. Erneut eine zusätzliche Aufgabe, die kaum entlohnt wird, hier war die Aufregung groß. Es kam zwar zu Dienststellenversammlungen von Seiten der Personalvertretung, aber inwieweit diese Information rechtzeitig alle MitarbeiterInnen erreicht hat, ist fraglich. Denn auch nach diesen Versammlungen hat sich die Younion von Anfang an gegen einen Streik ausgesprochen, ohne sich darüber mit der Basis wirklich abzustimmen. Kurz gesagt: Sie nahmen uns einfach den Wind aus den Segeln! 

Nach meiner Karenz war ich 2017 zurück im Arbeitsleben. Da bemerkte ich schnell, dass mich der gewerkschaftliche Gedanke nicht loslässt. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben! Und ein Austritt kommt für mich nicht in Frage, denn ich glaube daran, dass die gewerkschaftliche Macht unser Arbeitsalltag zu verbessern umso größer ist, desto mehr Mitglieder jene hat. 

Es war spannend, dass sich KollegInnen oft mit arbeitsrechtlichen oder berufspolitischen Fragen an mich wendeten. Deshalb kam bei mir der Gedanke auf: Wieso wirst du nicht selbst aktiv? Gleichzeitig empfinden viele KollegInnen die Präsenz unserer VertreterInnen auf den Stationen als mangelhaft und zögern mit ihren Anliegen sich an die entsprechenden Institutionen zu wenden. Zwar werden öfters Mails ausgesandt, die gehen jedoch in der stressigen Arbeitsrealität oft unter.

Ein Wendepunkt war die Optierung. Leider hab ich die Younion-Zeitschrift nicht aufgehoben in der vom phänomenalen neuen Besoldungsschema inklusive Umstiegsmöglichkeit soweit ich mich erinnere die Rede war.

Nach zwei Jahren war dann nichts mehr davon zu hören. Freiwilliger Umstieg? Nein. Sehr stark betroffen hiervon waren vor allem die Spezialbereiche in der Pflege. Eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, welche hier seitens der Younion-Führung – ohne mit der Basis darüber geredet zu haben – toleriert wurde. Kein „Wir kämpfen für eure Rechte“  oder „Wir hören euch, wir machen was“. 

Es wurde 2019 und da hörte ich etwas von der Gruppe Solidarität und ich war sehr schnell angetan.  Die Sichtweise und wie jene die Gewerkschaftsarbeit wieder solidarisch für alle, für uns – die Belegschaft – aktivieren will! Da war Arbeitskampf kein historischer Begriff, sondern ein Versprechen! 

Wir als Basis konnten den Druck auf die Younion erhöhen und so die Optierungsmöglichkeit erreichen. Dann kam die Pandemie. Und wie noch nie zuvor habe ich mich von meiner Gewerkschaftsführung so im Stich gelassen gefühlt wie zu diesem Zeitpunkt! Sie war mir einfach zu leise und angepasst.

Da war für mich klar, dass ich mehr tun muss als nur ab und zu mit KollegInnen darüber zu reden und den Gedanken der Solidarität am Stützpunkt zu beschwören! Es war klar für mich, dass ich aktiv mich einbringen und mitmachen will. Trotzdem bin ich zeitlich immer wieder zurückgerudert. Wie mach ich es mit meinen limitierten Ressourcen? Schaff ich es Beruf(ung), Haushalt, Familie und Gewerkschaft aktiv unter einem Hut zu bringen? Die Antwort von meinem Mann war ganz klar: Ja, du bekommst und nimmst dir dafür die Zeit! 

Ich will nicht auf die Gewerkschaftsführung warten und derweil Goodies bekommen, sondern aktiv mitgestalten, wie die Belegschaft ihren Arbeitsalltag selbstbestimmt organisiert.

Ich will den Druck seitens der Basis erhöhen, um endlich eine Personalberechnung zu erhalten, die dem entspricht wieviel Zeit wir bei PatientInnen wirklich verbringen. Ich will, dass die Basis sieht für was und wen unsere Arbeiterbewegung da ist und nicht das Gefühl hat, gekämpft wird sowieso nicht! Deshalb meine Forderung an alle, die diese Zeilen lesen: Werdet auch aktiv und meldet euch bei uns!



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